KARATEbyJesse: 42 Geheimnisse, die ich vom weltbesten Kata-Trainer gelernt habe – Teil I

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jesse enkamp
Über den Autor:
KARATEbyJesse ist vielen Karateka ein Begriff. Dahinter verbirgt sich der Schwede Jesse Enkamp. Er hat sich mit interessanten und gut recherchierten Artikeln zum Karate und angrenzenden Themenbereichen sowie mit ansprechenden Videos von Turnieren und Lehrgängen im Internet einen Namen gemacht. Neben der Webseite www.KARATEbyJesse.com betreibt er auch einen YouTube-Kanal und ist bei facebook, twitter & Co. vertreten. Bisher waren seine Beiträge nur mit genügend Englischkenntnisse zugänglich.  Dies ändert sich nun: Mit freundlicher Genehmigung des Autors erscheinen ausgewählte Artikel in deutscher Übersetzung beim KDNW. Als Diplom-Übersetzerin ist es mir eine besondere Freude, Jesse Enkamp für diese grenz- und sprachübergreifende Kooperation gewonnen zu haben.

“Öffne deinen Mund!” Zum 597. Mal hintereinander, nach Stunden zermürbenden Kata-Trainings, weist mich Sensei Inoue Yoshimi an, meinen Mund wieder zu öffnen.  “Ja, Sensei!” Ich fühle mich wie ein zurückgebliebener Goldfisch.

Offenbar kann ich mit geschlossenem Mund keine knalligen und geschmeidigen Karate-Techniken ausführen.

Überflüssig zu sagen, dass das nur einer von hundert geradlinigen Einblicken ist, die ich vor kurzem erhalten habe, als ich die einmalige Gelegenheit hatte, privat mit dem weltbesten lebenden Kata-Trainer zu trainieren.

Soke Inoue Yoshimi.

Ich habe schon früher über Sensei Inoue geschrieben. Die Liste seiner berühmten Schüler liest sich wie ein Epos: Rika Usami, Atsuko Wakai, Ryoki Abe, Antonio Diaz, Mie Nakayama, Nao Morooka, Hisami Yokoyama, die Hasegawa Brüder… Er ist eine regelrechte Kata-Champion-Maschine.

Dennoch ist Inoue Überheblichkeit fremd. Er ist ganz auf dem Boden geblieben. Keine extravaganten Ausdrücke. Keine spirituellen Ansprüche. Nur pures Können. Mit seinen 68 Jahren zeigt er immer noch jede einzelne Technik selbst! Stunde für Stunde. Scharf, schnell und mehr als knallig.

Also… Was ist sein “Geheimnis”?

Hallo? Machst du Witze? Er hat so um die tausend davon!

Und einige muss ich einfach mit euch teilen. Klingt das gut?

Prima. Also hier kommt meine Liste mit 42 Dingen, die ich im Training bei Soke Inoue Yoshimi, dem weltbesten Kata-Trainer, gelernt habe.

Los geht‘s:

1. Öffne deinen Mund. Wenn dein Mund geschlossen ist, verspannt sich dein Kiefer, deine Schultern sind steif und deine Techniken verkrampft. Also öffne den Mund. So kann die Luft frei in die/aus den Lungen strömen – und deine Techniken sind entspannt, natürlich und kraftvoll.

2. Trainiere weniger. Verbessere dich mehr. Obwohl Inoue auf das Elite-Training mit Weltklasse-Athleten spezialisiert ist, betont er, dass übermäßiges Karate-Training schlecht für die Gesundheit ist. Zwei Stunden pro Einheit, drei Tage die Woche – so lautet seine Empfehlung für die optimale Trainings-Dosis.

3. Nutze die Muskulatur auf der Körperrückseite. Wir Menschen haben ein großes Gehirn, nicht wahr? Wir sind clever. Aber wenn es ums Kämpfen geht, sind wir körperlich schwächer als viele Tiere! Hunde, Katzen, Ameisen, Pferde, Ratten… sie sind stärker, beweglicher und viel schneller und athletischer als der Mensch je sein wird. Setzen wir also unser cleveres Gehirn ein, um die Tiere zu studieren: Hat ein Pferd Bauchmuskeln? Nein. Hat ein Hund einen großen Bizeps oder Brustmuskeln? Nein. Warum also beharren die Menschen darauf, immer diese “unnützen” Vorzeige-Muskeln zu trainieren? Tiere haben eine unglaublich starke Muskulatur auf der Körperrückseite (Rückenmuskeln, hinterer Oberschenkel, Gluteus, Trizeps, Lateus usw.). Konzentrier dich stattdessen auf sie. Daher kommt die tierische Kraft.

4. “Karate ist zu 99% Gefühl.” Viele Leute trainieren hart, schwitzen und gehen glücklich nach Hause. Das ist großartig! Aber, nach Inoue Sensei, verbessern sie sich niemals wirklich. Um sich zu verbessern, muss man seine Gefühle, seinen Geist und seine Vorstellungskraft im Training einsetzen. 99% der Verbesserung besteht darin, den Körper mit dem Gehirn zu verbinden. Zapf deine Sinne an!

5. Benutze deine Fersen. Drehe auf den Fersen. Gehe über die Fersen. Halte stets dein Gewicht über den Fersen. Das hält deine Schultern entspannt und deine Knie unverkrampft und ermöglicht dir damit schwungvolle und schnelle Bewegungen.

6. “Lächle!” Wenn Inoue Sensei denkt, du bist verkrampft, sagt er niemals “Entspann dich!”. Stattdessen sagt er „Lächle!“ – ein psychologischer Trick, damit du dich entspannst. Es ist nämlich schwierig, zu verkrampfen, wenn man lächelt. Außerdem: Du bist besser, wenn du glücklich bist.

7. Die Hüfte ist immer parallel zum Boden. Außer bei seltenen Passagen in einigen Kata (Empi, Kururunfa). Warum? Weil es natürlich ist. So gehen wir.

8. Du wirst älter, arbeite mit der Natur – nicht gegen sie. Inoue Sensei ist 68 Jahre alt und wiegt 58 Kilogramm. Im Armdrücken kann ihn jeder besiegen. Aber beim Karate geht es nicht nur um Größe, Kraft oder Alter. Je älter du wirst, umso mehr Wissen, Technik, Gefühl und Erfahrung musst du einsetzen. Dein Körper wird mit dem Alter schwächer, aber andere Fähigkeiten wachsen. Das ist eine natürliche Entwicklung. Kämpfe nicht gegen die Natur – ziehe deinen Nutzen daraus.

9. Stell dir vor, dein Körper ist ein Auto. Dein Zentrum, auf japanisch “tanden” genannt, ist der Motor. Deine Hände und Füße sind nur die Räder. Das Steuer befindet sich in deinem Kopf.

10. Hebe zum Treten nicht das Knie an. Das machen Anfänger. Stattdessen konzentriere dich auf die Aktivierung der kräftigen Po-Muskeln.

11. Entspanne beim Gehen oder Drehen nicht deine Knie. Das machen Anfänger. Stattdessen entspanne deine Hüfte. Stell dir vor, du hebst dein Hüftgelenk aus den Angeln, lässt deine Beine aus der Hüftpfanne fallen und dann bewege dich/gehe/drehe dich. So bist du schneller, als wenn du einfach nur die Knie entspannst (denn dann spannt sich automatisch der Quadrizeps an = du wirst langsam).

12. Es gibt zwei Arten von Karate. #1 Karate als Kampfkunst und Selbstverteidigung. #2 Karate für den Wettkampf. Der beste Weg, beides zu verbessern, ist, sich darauf zu konzentrieren, wie man den Körper effektiv einsetzen kann. Dafür begeistert sich Inoue Sensei. Egal, wer du bist, du kannst immer deine Körpermechanik und die Grundsätze der effektiven Bewegung verbessern.

13. Wenn du Doppeltechniken (mit beiden Händen) ausführst, drehe nicht deine Hüfte. Stattdessen sei wie eine Feder oder Welle. So erzeugst du Kraft, wenn du beide Hände gleichzeitig verwendest.

14. Deine Schulter soll immer vor deiner Brust sein. Niemals parallel dazu. Das gleiche gilt für den Hikite-Arm!

15. Verwende Schlagpolster, wenn du unsicher bei einer Technik bist. Wenn du dich fragst, was der effektivste Weg ist, eine Technik auszuführen (z.B. wie du deine Beine zu den Armen bewegen sollst), benutze einen Sandsack, ein Makiwara oder ein Schlagpolster und probiere es aus. Was ist am kräftigsten? Teste es. Wir haben verschiedene beliebte Turnier-Kata wie Anan, Heiku und Paiku verglichen und diskutiert, wie bestimmte okinawanische Meister das Springen, Steppen und Stampfen in diesen Kata unterrichtet haben – dann haben wir verschiedene Variationen dieser Techniken an einem Sandsack getestet. Finde die wirkungsvollste Version und nutze sie.

16. Warum gehen wir in so vielen Katas mit einem Block vorwärts? Wenn man über die praktische Anwendung (Bunkai) nachdenkt, ist es ziemlich unklug, Kraft mit Kraft zu begegnen, oder? Tja, das Geheimnis ist, dass die „Ausholbewegung“ des Blockes der eigentliche Block ist. Anschließend kannst du dann nach vorne gehen und mit der Bewegung, die wie der „Block“ aussieht, angreifen, werfen oder hebeln.

17. Tiefe vor Breite. Tauche in die mysteriösen Details des Mikro ein, um das Makro zu verstehen. Eine Kleinigkeit zu verbessern, verbessert vieles.

18. Im Zenkutsu Dachi (Vorwärtsstellung), sollte dein Gewicht auf dem hinteren Bein sein – nicht auf dem vorderen. Das hintere Bein sollte wie Bambus sein; stark aber flexibel. (Nicht steif wie ein Stock.) Entspanne dein vorderes Bein. Es dient nur der Unterstützung. Dein hinteres Bein kontrolliert die Aktion und Kraft.

19. Um fantastische Armtechniken zu machen, vergiss deine Arme. Konzentriere dich stattdessen auf deinen Kern. Peitsche einfach aus deinem Zentrum. Im Ernst. Kümmere dich nicht um die Arme. Ignoriere sie. Denke stattdessen an dein Inneres und deine Arme fliegen automatisch. Es geht darum, den Peitscheneffekt in Gang zu setzen.

20. Entspanne deine Brustmuskeln. Wenn du deine Brustmuskeln während des Schlages anspannst, werden deine Schlüsselbeine gesperrt. Das spannt die Verbindung der Schulter zum Arm an und macht entspannte und knallige Techniken unmöglich. Setz den Brusttag im Studio aus, Kumpel. Entspanne deine Brust. Lass es frei fließen.

21. Dein Karate-Stil spielt keine Rolle. So lange du einen Kopf, zwei Beine und zwei Arme hast, sind die Mechanik des menschlichen Körpers und die universellen Prinzipien der effektiven Bewegung in allen Stilen gleich.

22. Wenn du Probleme mit der Balance hast, vergiss die Balance. Konzentriere dich stattdessen auf die Schnelligkeit. Speed, Speed, Speed! Schneller, schneller, schneller! Dein Körper ist cleverer als du denkst und wird dich automatisch bei schwierigen Bewegungen stabilisieren. Aber n i c h t, wenn du ständig darüber nachdenkst. Also konzentrier dich auf die Schnelligkeit. Die Balance kommt dann ganz von selbst.

23. 90/10-Gewichtsverteiligt im Neko-Ashi-Dachi (Katzenfußstellung). Das Gewicht auf die hintere Ferse. Du solltest deinen vorderen Fuß anheben können. Der hintere Fuß ist um 30 Grad nach außen gedreht.

24. Frage immer (wie & warum). Als Soke Inoue jung war, durfte er im Dojo nie Fragen stellen. Heute ermutigt er dazu, wie verrückt zu fragen. Das Geheimnis, motiviert zu bleiben, glaubt er, ist, immer weiter Fragen zu stellen. Besonders wie und warum. Wenn du es nicht verstehst, kannst du nicht besser werden!

Haftungsablehnung des Autors: Die Informationen in diesem Artikel basieren lediglich auf meiner eigenen Interpretation des Training mit Sensei Inoue und sollten nicht als offizielle Repräsentation der Japan Karate-Do Inoue-Ha Shito-Ryu Keishin-Kai oder Inoue Yoshimi betrachtet werden.

Text: Jesse Enkamp, aus dem Englischen übersetzt von Eva Mona Altmann

Der Text wurde abgedruckt in der Karate Aktuell 3/2014.

Fortsetzung in der Ausgabe 4/2014: „42 Geheimnisse, die ich vom weltbesten Kata-Trainer gelernt habe – Teil II“


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