KARATEbyJesse: Mehr Kraft für deine Techniken

pixabay 4Weißt du, was Kraft ist? Eine knifflige Frage. Aber super wichtig fürs Karate! Denn, bringen wir es auf den Punkt: Ohne Kraft in den Techniken ist Karate eigentlich nur Show.

Im traditionellen Karate, so wie es vor allem in Okinawa und Japan noch trainiert wird, ist Kraft von größter Bedeutung.  
Dennoch haben viele Leute Probleme damit, Kraft für ihre Techniken zu entwickeln.


Sogar bei Grundtechniken!
Warum ist das so?
Teils, weil sie nicht recht verstehen, was der Begriff „Kraft“ meint, aber auch, weil es viel wissenschaftlich korrektes Trainings erfordert.

Eine Prise

Wissenschaft
Also aufgepasst: Heute möchte ich euch helfen, gewaltige Kraft für eure Karate-Techniken zu erlangen, indem wir ein bißchen Wissenschaft anwenden. (Meiner Meinung nach sollte im heutigen Karate viel öfter die Wissenschaft genutzt werden.)
Um eins klarzustellen: Ich bin kein Wissenschaftler. Ich weiß nicht mal, wie die Lampe in meinem Kühlschrank funktioniert. Aber ich wende seit Jahren wissenschaftliche Prinzipien an, um mein Karate-Verständnis zu optimieren und möchte euch ein bißchen was davon vermitteln. Einverstanden? Dann los!


pixabay 3F = M x A

Als erstes musst du wissen: Egal wieviel du trainierst, du kannst die physikalischen Gesetze nicht überlisten.
Das betrifft auch das zweite Newtonsche Gesetz: F = m x a (Kraft gleich Masse mal Beschleunigung).
Diese Formel ist wesentlich für deine Schlagkraft und die Grundlage für die folgenden Ausführungen.
Aber du musst wissen, dass ein Schlag mehrere Beschleunigungen von verschiedenen miteinander kooperierenden Massen (auch genannt „die Technik“) erfordert. Die Dynamik ist sehr komplex, da wir es mit verschiedenen Ebenen, Kräften und Drehmomenten zu tun haben.
pixabay 6Aber auch wenn die Physik eines Schlages nicht so simpel ist wie F = m x a, deckt diese Formel doch ab, was du grundsätzlich darüber wissen musst.
Wie du siehst, hängt die Kraft deines Schlages maßgeblich davon ab, wie schnell du deine Masse beschleunigen kannst. So einfach ist das.
Merke: Je schneller du deine Masse aufs Ziel hin beschleunigst, desto kraftvoller ist dein Schlag.
Schauen wir uns nun die zwei Bestandteile an: Masse und Beschleunigung.

Schritt 1: Verstehe „Masse“

Als erstes kannst du deine Masse vergrößern. (Und nein, nicht indem du dir eine Treuekarte für Donuts besorgst!)
Mehr Masse bedeutet mehr potenzielle Schlagkraft.
Du willst also die Masse vergrößern, die du aufs Ziel übertragen kannst.
Wenn du Anfänger im Karate bist, ist die einzige Masse, die du ins Ziel bewegen kannst, deine Hand.
Wenn du ein bißchen länger trainierst, kannst du vielleicht deinen ganzen Arm hinter den Schlag bekommen. Das sind schonmal ein paar Pfund mehr.
Und wenn du noch länger trainierst... kannst du eines Tages vielleicht deine gesamte Körpermasse hinter den Schlag setzen. Wie großartig!
Wenn du diese letzte Stufe erreicht hast, wirst du eine sagenhafte Kraft entwickeln können, selbst wenn du eine zierliche Person bist.
Wie Bruce Lee.
Die Idee ist, jedes einzelne Prozent deiner Körpermasse in den Schlag zu stecken.
Dafür musst du korrekte Technik mit einem guten Körperverständnis kombinieren.
Dann kommt der nächste Schritt: Das Wegschleudern der Körpermasse.

pixabay 5Schritt 2: Verstehe „Beschleunigung“

Der nächste Schritt ist Beschleunigung (nicht vergessen: F = m x a).
Die meisten Leute denken, Beschleunigung sei das gleiche wie Geschwindigkeit, aber das ist falsch.
Beschleunigung meint, wie schnell du die Geschwindigkeit erhöhen kannst.
Das ist der Unterschied.
Du musst die Geschwindigkeit deiner Masse in möglichst kurzer Zeit erhöhen.
Schnelle Techniken genügen nicht. Sie müssen auch möglichst schnell schnell werden – sonst sind sie nicht kraftvoll!
Dafür müssen die Muskelfasern kochend heiß sein und startklar, in perfekter Abfolge (= gute Technik) lozuschießen, um deine Masse so schnell wie möglich aus einem entspannten in einen gespannten Zustand (Einschlag) zu beschleunigen.
Wie gesagt: Es geht vor allem um die korrekte Technik.
Alles hängt großteils von deiner Fähigkeit ab, die Fast-Twitch-Muskelfasern über dein zentrales Nerbensystem anzusprechen.
Mit anderen Worten: Sei nicht faul!
Und zu guter Letzt...

Schritt 3: Füge alles zusammen

Okay. Pass auf: Selbst wenn du weißt, wie du deine Masse einsetzen musst und diese Masse mit Überschallgeschwindigkeit beschleunigen kannst, brauchst du trotzdem noch EINE letzte Komponente, sonst fällt alles in sich zusammen.

pixabay 1Fudo-Shin: Denke wie ein Krieger!

Du brauchst die geistige Haltung eines Kriegers.
Um die Kraft zu erlangen, die du willst, musst du jeden Schlag mit totaler Fokussiertheit und unbeirrbarer Überzeugung ausführen.
Diese mentale Einstellung nennt man auf Japanisch „fudo-shin“ oder „unerschütterlicher Geist“.
pixabay 2Dein Geist muss so stark sein, dass du Berge versetzen kannst.
Wirklich.
Je stärker du psychisch bist, desto härter kannst du physisch schlagen.
Leider aber haben viele Leute einen schwachen Geist.
Und das hindert sie daran, ihr Potenzial auszuschöpfen – viel mehr als es physische oder technische Eigenschaften könnten. So einfach ist das.

Shin-Gi-Tai: Bringe Geist, Technik und Körper in Einklang

Du musst alle drei Komponenten des Shin-Gi-Tai (Geist, Technik, Körper) miteinander in Einklang bringen, um Höchstleistungen zu erzielen – egal ob du nun schlagen, treten oder blocken willst.
Dann füge noch eine Prise Wissenschaft hinzu – und fertig ist der tödliche Cocktail!
Viel Glück dabei und danke fürs Lesen!
Möge die Kraft mit dir sein!

 

Text: Jesse Enkamp, aus dem Englischen übersetzt von Eva Mona Altmann
Fotos: pixabay.com; Enkamp

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Über den Autor:
KARATEbyJesse ist vielen Karateka ein Begriff. Dahinter verbirgt sich der Schwede Jesse Enkamp, Mitglied der Kata-Nationalmannschaft und Inhaber eines eigenen Dojos, der sich mit interessanten und gut recherchierten Artikeln zum Karate und angrenzenden Themenbereichen sowie mit ansprechenden Videos von Turnieren und Lehrgängen im Internet einen Namen gemacht hat. Neben der Webseite www.KARATEbyJesse.com betreibt er auch einen YouTube-Kanal und ist bei facebook, twitter & Co. vertreten. In der Vergangenheit waren seine Beiträge nur mit genügend Englischkenntnisse zugänglich.  Aber mit freundlicher Genehmigung des Autors erscheinen seit Mitte 2014 ausgewählte Artikel in der deutschen Übersetzung von Eva Mona Altmann (Dipl.-Übers.) beim KDNW. Wir freuen uns sehr über diese grenz- und sprachübergreifende Kooperation mit Jesse Enkamp!

 


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