KARATEbyJesse: 10 wichtige Karate-Details, an die dein Sensei dich nicht ständig erinnern will

#1: „Rücken gerade & schau nach vorn!”

Überprüfe deine Haltung.
Wenn du deine Tage wie 95% der westlichen Menschheit verbringst (= am Schreibtisch sitzend), machst du wahrscheinlich die ganze Zeit einen Buckel. Der Mensch ist das Produkt seiner Umgebung.
Leider ist das weder aus gesundheitlicher noch aus Karate-Perspektive gut.
Dein Rücken muss im Karate gerade sein – besonders, wenn du Drehbewegungen ausführst.


Andernfalls ist deine Technik vom biomechanischen Standpunkt aus nicht voll wirksam und du schadest vielleicht ernsthaft deiner Gesundheit und Ausführung.
Aber es reicht nicht, den Rücken gerade zu halten, dein Hals muss es auch sein.
Viele Leute schauen zu Boden, während sie Karate-Techniken ausführen.
Warum? Weil das ein unbewusster Ausdruck geringen Selbstvertrauens ist.
Ich versteh schon. Karate ist schwierig. Aber schau trotzdem nach vorn!
Wusstest du schon, dass pro Zentimenter, den du deinen Kopf nach vorne beugst, zwei Kilo zusätzlicher Druck auf die Halswirbelsäule einwirken?
Aua...
Außerdem lässt dich eine schlechte Körperhaltung in einer Selbstverteidigungssituation wie ein Opfer erscheinen.
Das weiß dein Sensei.
Rücken gerade und schau nach vorn!

#2: „Atme!”

Du kannst Tage ohne Essen, Schlaf oder Wasser auskommen. Aber du schaffst nicht mal ein paar Minuten ohne zu atmen!
Trotzdem japsen sehr viele Leute beim Karate oft gezwungen nach Luft. (Oder noch schlimmer: Sie halten den Atem an.)
Die Atmung ist der Schlüssel dazu, Körper und Geist in Einklang zu bringen.
Oder wissenschaftlich gesagt: Du kannst den Aktivationslevel deines Nervensystems hoch- und runterregulieren, einfach indem du atmest und so deine emotionale Verfassung direkt beeinflusst.
Manche Leute können durch die Anpassung ihrer Atemmusters sogar die Funktionen ihres vegetativen Nervensystems (wie Verdauung und Pulsrate) verändern.
Durch bewusste Atmung zapfst du dein Unterbewusstsein an. Es ist allgemein bekannt, dass die Atmung deine innere Kraft freisetzt.
„Die Lungen sind Luftspeicher und die Luft ist Herrin der Stärke. Wer von Stärke spricht, muss sich mit Luft auskennen.“ (Jui Meng, Shaolin-Mönch, 1692)
Das weiß dein Sensei.
Atme!

#3: „Dreh die Hüfte!”

Deine Beine machen 40% deiner gesamten Körpermasse aus.
Um die maximale Kraft für deine Karate-Techniken zu erzielen, musst du deine gesamte Körpermasse einsetzen – einschließlich der unteren Extremitäten.
Wie kannst du also die Beine nutzen und ihre Energie in den Oberkörper übertragen?
Fünf Buchstaben:
H-ü-f-t-e.
Wenn du die Hüfte nicht beim Schlagen, Blocken usw. eindrehst, könntest du genauso gut im Rollstuhl sitzen, weil du buchstäblich Tonnen von Energie in den Beinen isolierst.
Der einzige Weg, die komplette Energie aus deinem Unterbau in den Oberkörper zu leiten, ist mittels gutem Timing der Hüftrotation.
Der Trick ist, deine Hüftbewegung mit der restlichen Bewegungskette zu koordinieren.
Das weiß dein Sensei.
Dreh die Hüfte!

#4: „Schultern runter!”

Die Hüftdrehung reicht aber noch nicht aus für eine große Kraftübertragung.
Du musst die Kraft über alle Gelenke übertragen – einschließlich der Schultern.
Wenn die Schultern steif, schwach oder isoliert sind, wird das der Kraftübertragung der Techniken aufs Ziel sehr abträglich sein.
Daher müssen deine Schultern runter, so dass sie entspannt sind und du eine korrekte strukturelle Verbindung der Arme mit dem Körper herstellen kannst.
Nur dann kannst du die richtigen Muskeln aktivieren (wie den Latissimus Dorsi).
Solange du mit deinem Karate nur „Löcher in die Luft“ schlagen willst, ist das nicht so wichtig. Aber wenn du wirklich auf etwas triffst, dann ist die Stellung deiner Schultern entscheidend – sowohl für die Kraftübertragung als auch für die Gesundheit der Gelenke.
Das weiß dein Sensei.
Schultern runter!

#5: „Nicht so schnell!“
Wenn wir wegen etwas aufgeregt sind, machen wir schnell.
Es ist toll, dass du Karate aufregend findest. Aber manchmal ist es wichtig, langsam zu machen!
Wenn du immer alles schnell machst, legst du dir schlechte Angewohnheiten zu – zum Beispiel mogelst du bei Techniken oder verletzt deinen Partner.
Der größte Vorteil davon, langsamer zu machen, ist, dass es dir Zeit verschafft, nachzudenken und nachzufühlen.
Langsamer zu machen, erlaubt es dir, unkartiertes Gelände auf deiner propriozeptiven Landkarte zu erforschen – die körperlichen Regionen deines Gehirns, die verantwortlich sind für Tastbewegungen.
Ich weiß... es ist einfach, immer schnell zu machen, weil du dann nicht so viel nachdenken musst – und du kannst den Schwung der Schnelligkeit nutzen.
Aber wenn du entschleunigst, musst du volle Kontrolle über deinen mentalen Zustand haben. Und im Karate geht es zu 99% um die richtige Einstellung.
Das weiß sein Sensei.
Nicht so schnell!

#6: „Deckung hoch!”

An einem schönen Blumenstrauß riecht jeder gerne.
Aber an Fäusten nicht unbedingt.
Warum nicht? Na die eine Faust des Gegners riecht nach Friedhof und die andere nach Krankenhaus. Der Duft steigt dir in die Nase, sobald du deine Deckung vernachlässigst. (Aber immerhin kriegt man von Fäusten keinen Heuschnupfen.) Okay, genug der schlechten Witze.
Jeder weiß, dass es wichtig ist, die Deckung oben zu halten.
Aber sobald wir einem erfahrenen Gegner gegenüberstehen, neigen wir dazu, die Deckung fallen zu lassen und Panik zu bekommen.
Der Grund dafür ist einfach:  Dein Echsenhirn (die Amygdala) schaltet in den Überlebensmodus, wenn du kämpfst. Dein Gehirn sagt deinem Körper buchstäblich, dass du aus der gefährlichen Situation fliehen und dich in deinem Bett einrollen sollst mit einer warmen Decke, einer Tasse heißem Kakao und Netflix.
Aber du bist doch jetzt im Dojo. Du musst in der Lage sein, dich selbst zu verteidigen!
Das weiß dein Sensei.
Deckung hoch!

#7: „Ellbogen ran!“

Das haben sich schon viele angehört, aber nur wenige wissen, warum es so wichtig ist.
Wenn du mit angelegten Ellbogen schlägst, rotieren deine Schultergelenke nach außen. Da die Schulter ein Kugelgelenk ist, sorgt dies für eine stabilisierende Kraft auf Grund des biomechanischen Gesetzes des Drehmomentes.
Das ist einfache Anatomie.
Und es ist super wichtig, da deine Schulter eines der instabilsten Gelenke des menschlichen Körpers ist.
Wenn dein Ellbogen sich beim Schlagen, Stoßen, Blocken usw. löst, verlierst du Torsionsmoment in der Schulter und schwächst das Gelenk.
Das erhöht das Verletzungsrisiko enorm.
Das weiß dein Sensei.
Ellbogen ran!

#8: „Knie über Fuß!“

Lass uns ein Spiel spielen: Hand hoch, wenn du einen Karateka mit Knieverletzung kennst.
Gut. Jetzt nimm die Hand wieder runter, fass dir ans Knie und flüstere ihm leise zu, dass du niemals diesen gefährlichen (und häufigen) Fehler begehen wirst.
Folgendes musst du wissen:
Wenn du dich stets bemühst,  dein Knie in einer Linie über dem Fuß zu halten, machst du deine Sache besser als 99% der Leute, die ihr Knie beim Karate verletzen.
Warum? Weil deine Gelenke nicht dazu gedacht sind, isoliert zu arbeiten – sie sind dazu bestimmt, im Team zu funktionieren. Je mehr du Knie und Fuß aneinander ausrichtest, desto besser können sie miteinander kooperieren.
Bemühe dich stets, dass dein Fuß dem Knie folgt, egal in welchem Stand. Andernfalls könnte deine Karate-Karriere kürzer ausfallen als gedacht.
Das weiß dein Sensei.
Knie über Fuß!

#9: „Konzentration!”

Schon klar.
Du hast „Wichtiges“ zu tun.
Einkaufen, auf deine Kinder aufpassen, Arbeit, Leute treffen, Orte besuchen...
Heutzutage sind wir alle sehr beschäftigt. Aber nichts davon existiert im Dojo!
Der Name sagt schon alles: „Do”-„Jo” („Weg” + „Stätte”).
Da ist einfach kein Platz für weltliche Ablenkungen in der Wegstätte.
Wenn du nur ein paar Mal wöchentlich Karate trainierst, verschwende keine Zeit damit, unkonzentriert zu sein.
Vertrau mir – deine Einkaufsliste, die Telefonrechnungen und Parktickets sind immer noch da nach dem Training. Leider verschwinden sie nirgendwohin.
Und dein Karate wird nicht besser dadurch, dass du über sie nachdenkst.
Du verdienst den Luxus, äußerliche Ablenkungen aus dem Dojo auszuschließen.
Konzentration!

#10: „Entspann dich & lächle!”

Das vielleicht Wichtigste zum Schluss:
Es ist sehr leicht, im Karate zu angespannt zu sein.
Unser hektisches modernes Leben trägt seinen Teil dazu bei!
Aber Karate kann aus einem Zustand der Spannung heraus nicht fließen.
Deshalb riet mir Inoue Yoshimi, der weltbeste Kata-Trainer (R.I.P.): „Lächle!”
Nicht nur, weil das Leben zu kurz ist, um es nicht zu genießen.
Sondern auch, weil du, wenn du lächelst, entspannst!
Überflüssig zu erwähnen, dass deine Karate-Techniken nur „knallen“ können, wenn du wirklich locker bist.
Mit anderen Worten: Lächle immer dann, wenn du dich angespannt fühlst. Das entspannt.
Außerdem macht das Training so mehr Spaß!
Und hey, man lebt nur einmal! Dann kann man es auch genießen!
Entspann dich und lächle!

Über den Autor:
KARATEbyJesse ist vielen Karateka ein Begriff. Dahinter verbirgt sich der Schwede Jesse Enkamp, Mitglied der Kata-Nationalmannschaft und Inhaber eines eigenen Dojos, der sich mit interessanten und gut recherchierten Artikeln zum Karate und angrenzenden Themenbereichen sowie mit ansprechenden Videos von Turnieren und Lehrgängen im Internet einen Namen gemacht hat. Neben der Webseite www.KARATEbyJesse.com betreibt er auch einen YouTube-Kanal und ist bei facebook, twitter & Co. vertreten. In der Vergangenheit waren seine Beiträge nur mit genügend Englischkenntnisse zugänglich.  Aber mit freundlicher Genehmigung des Autors erscheinen seit Mitte 2014 ausgewählte Artikel in der deutschen Übersetzung von Eva Mona Altmann (Dipl.-Übers.) beim KDNW. Wir freuen uns sehr über diese grenz- und sprachübergreifende Kooperation mit Jesse Enkamp!


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