KARATEbyJesse: Shu-Ha-Ri - Die uralte 3-Schritt-Formel der Karate-Meisterschaft

shuhari„Meisterschaft” ist ein großes Wort. Wenn du Karate ausübst, solltest nach ihr streben. Dich mit jedem Schlag, jedem Kick, Block und Stoß schrittweise Richtung Meisterschaft bewegen. Für mich ist es genau das, was am Karate so toll ist: Es gibt immer etwas, das du noch verbessern kannst!

Wie schon der legendäre Begründer des Shito-Ryu sagte:
„Karate ist lebenslanges Lernen.“
– Mabuni Kenwa (1889-1952)
Aber...
Gibt es irgendeine geheime Formel für diesen lebenslangen Prozess, Karate zu meistern?
Jepp!
Auf Japanisch heißt sie „Shu-Ha-Ri“.
Und hier, liebe Karate-Nerds, möchte ich meine Auffasung dieser uralten 3-Schritt-Formel für die Meisterung des Karate mit euch teilen.
Aufgepasst.

Schritt 1:
Shu
„Befolge die Regeln!”

Der erste Schritt zur Meisterschaft ist das Befolgen der Regeln.
„Shu“ bedeutet auf Japanisch wörtlich „gehorchen“, „intakt bleiben“ oder „schützen“.
Mit anderen Worten: Mach GENAU das, was dein Sensei dir sagt!
Folge der Linie.
Kopiere die Formen.
Imitiere die Bewegungen.
Deine einzige Aufgabe in dieser Phase ist es, das, was dir beigebracht wird, genau zu beobachten und es dir zu merken.

Genau wie ein Kind, das lernt, das Alphabet an die Tafel zu schreiben.
Mit den berühmten Worten von Bruce Lee: Versuche, ganz leer zu sein, formlos – wie Wasser in der Tasse deines Senseis.
Im Shu-Stadium entwickelst du dich kontinuierlich weiter, sammelst alle Informationen, die man dir gibt und merkst sie dir. Und dann wiederholst du sie, immer und immer wieder.
Neurowissenschaftlich gesagt, ist Shu dein Bewusstsein.
Aber...
Irgenwann beginnst du, zur nächsten Stufe zu fließen.

Schritt 2:
Ha
„Brich die Regeln!”

Nun bist du auf Stufe zwei angelangt.
„Ha“ bedeutet auf Japanisch wörtlich „sich loslösen“, „loslassen“ oder „wegbrechen“.
Das mag paradox erscheinen.
Aber wenn du dir erst einmal die wichtigen Details, Formen und Techniken gemerkt hast, musst du AUFHÖREN, über sie nachzudenken.
Im Ernst.
Du musst dich von den Zwängen des Imitierens, Einprägens und Kopierens (Schritt 1, „Shu“) befreien und Verantwortung für deinen weiteren Lernprozess übernehmen.
Das fällt den Leuten schwer, denn Veränderungen sind beängstigend!
Aus diesem Grund schaffen es viele Karateka nie über die „Shu“-Stufe hinaus.
Sie stecken fest.... in einem endlosen Kreislauf aus technischen Kleinlichkeiten.
Aber genau so wie Tarzan, der an seinen Lianen durch den Urwald schwingt, musst du deine gegenwärtige Liane loslassen („Ha“), um zur nächsten zu springen.
Nur dann können dir deine Karate-Fertigkeiten in Fleisch und Blut übergehen.
Hör auf, nachzudenken.
Reagiere einfach.
Neurowissenschaftlich gesagt, ist „Ha“ dein Unterbewusstsein.
Man spricht hier auch vom „motorischen Gedächtnis“, weil die Techniken durch die Unmengen von Wiederholungen in der „Shu“-Phase vom relativ langsamen und schwergängigen Bewusstsein in das schnelle und instinktive Unterbewusstsein übergegangen sind.
Verstanden?
Und schließlich fließt du dann in das letzte Stadium der Meisterschaft.

Schritt 3:
Ri
„Mach‘ die Regeln!”

Seien wir mal ehrlich:
Du bist schon ein cooler Typ.
„Ri“ bedeutet auf Japanisch wörtlich „verlassen“, „darüber hinausgehen“ oder „überschreiten“.
Und genau das tust du nun.
Nachdem du wie ein Sklave „die Regeln befolgt“ (Shu) und rebellisch „die Regeln gebrochen“ (Ha) hast, ist es nun an der Zeit, meisterhaft „die Regeln zu machen“ (Ri).
Voilà!
Das heißt, du bist endlich über das Offensichtliche hinausgegangen, indem du die Punkte miteinander verbunden hast und das Unsichtbare sichtbar gemacht hast – du lotest die Tiefen deiner überlegenen, unendlichen und absoluten Kreativität aus.
Endlich hast du dir Karate zu eigen gemacht!
Neurowissenschaftlich gesagt, ist „Ri“ dein Überbewusstsein.
Dieser ganze Shu-Ha-Ri-Prozess, bei dem du vom Bewusstsein über das Unterbewusstsein zum Überbewusstsein gelangt bist, gilt für alle Fähigkeiten – nicht nur Karate.
Zum Beispiel für das Kochen nach Rezept: Zunächst befolgst du das Rezept genauestens (Shu). Aber sobald du es dir gemerkt hast, brauchst du es nicht mehr (Ha). Und schießlich fängst du an zu freestylen, ersetzt Zutaten durch andere, die deinem eigenen Geschmack, Gefühl, Kreativität entsprechen (Ri).
Tadaa! Du hast soeben „das Gericht gemeistert“ mittels der drei Stufen von Shu-Ha-Ri. Genau wie beim Karate.
Und jetzt kommt das Coolste: Nun beginnt alles wieder von vorne!
Denn das Lernen hört niemals auf, mein Freund...
„Karate ist lebenslanges Lernen.“
    – Mabuni Kenwa (1889-1952)
Das ist die Essenz des Shu-Ha-Ri.
Und jetzt gehe hin und meistere Karate.
Ich glaube an dich.

Text: Jesse Enkamp, aus dem Englischen übersetzt von Eva Mona Altmann
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Über den Autor:
KARATEbyJesse ist vielen Karateka ein Begriff. Dahinter verbirgt sich der Schwede Jesse Enkamp, Mitglied der Kata-Nationalmannschaft und Inhaber eines eigenen Dojos, der sich mit interessanten und gut recherchierten Artikeln zum Karate und angrenzenden Themenbereichen sowie mit ansprechenden Videos von Turnieren und Lehrgängen im Internet einen Namen gemacht hat. Neben der Webseite www.KARATEbyJesse.com betreibt er auch einen YouTube-Kanal und ist bei facebook, twitter & Co. vertreten. In der Vergangenheit waren seine Beiträge nur mit genügend Englischkenntnisse zugänglich.  Aber mit freundlicher Genehmigung des Autors erscheinen seit Mitte 2014 ausgewählte Artikel in der deutschen Übersetzung von Eva Mona Altmann (Dipl.-Übers.) beim KDNW. Wir freuen uns sehr über diese grenz- und sprachübergreifende Kooperation mit Jesse Enkamp!


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