KARATEbyJesse: Drei Unterschiede zwischen östlichem und westlichem Karate

japan-1841199 640„Wie war‘s beim Training.“ „Großartig! Der Sensei hat mich gar nicht korrigiert!“ Das habe ich einem Freund nach meinem ersten Training in Okinawa (Japan) geantwortet. D‘oh! Wie blauäuig ich war! Denn wenn ein japanischer Sensei deine Techniken nicht kritisiert, dann ist das ein schlechtes Zeichen.

Es bedeutet, dass du noch nicht bereit bis für Verbesserungen. Ich dachte jedoch, es wäre ein gutes Zeichen.  Aber was kann man auch anderes von einem 20-jährigen schwedischen Jungspund erwarten, der seinen Träumen am Geburtstort des Karate nachjagt?

Zwar hatte ich damals schon mehrere Monate an der Universität von Okinawa studiert, die östliche Denkweise aber immer noch nicht verstanden. Ich musste sie erst am eigenen Leib erfahren... Folgendes habe ich dabei herausgefunden:

1 . Prozessorientiert vs. zielorientiert
Im Westen sind wir überfokussiert auf die Zielsetzung. Daran ist nichts falsch. Auch ich liebe es, Ziele zu erreichen. Aber im Osten geht es um die Reise. Um das Streben, nicht um das Erreichen. Das heißt, es ist nicht annähernd so wichtig, den Schwarzgurt zu bekommen wie einer zu sein. Und eine Meisterschaft zu gewinnen, ist nicht annähernd so wichtig wie ein Champion zu sein.

Verstanden?

Deshalb haben östliche Kampfkünstee das Suffix „-do“ (z.B. Judo, Kendo, Aikido, Karatedo usw.). „Do“ bedeutet wörtlich „Pfad“ oder „Weg“. Aber es geht dabei natürlich nicht um einen Weg im wörtlichen Sinne, sondern um einen spirituellen. Eine stetige Reise der Selbstentdeckung. Fortschritt vor Perfektion.

2. Lernen durch Fragen vs. Lernen durch Tun


Im Westen lieben wir es, Fragen zu stellen. Wir wollen am liebsten schon die Antwort haben, bevor wir überhaupt die Frage kennen. Im Osten gilt das genaue Gegenteil...

Typischerweise will ein westlicher Schüler wissen, „was, warum, wie“, bevor er eine Übung überhaupt probiert. Sonst sieht er keinen Grund dafür, sie zu machen, weil er das Ziel nicht kennt (siehe oben). Der östliche Schüler hingegen will die Antworten durch Üben finden.

Die Rolle des Senseis ist es eigentlich nicht, Fragen zu beantworten, sondern bei der Selbstentdeckung zu helfen. Hier kommen wir wieder auf den vorangegangenen Punkt der Prozessorientiertheit zurück. Im Osten lernt man etwas, indem man es tut. Die kinästhetische Erfahrung des Übens (versus intellektuelles Streben des Fragens) führt zu einer physischen Manifestation der Antworten im richtigen Leben. Ein Sensei lässt dich eine Technik stundenlang üben, bis du es schließlich „hast“. Deshalb ist das technische Niveau im Osten so hoch. Übung macht den Meister.

3. Kapitalismus vs. Kultur
Zum Schluss wollen wir noch über Geld reden...

Im Osten werden Dojos nicht wie Unternehmen betrieben. Warum nicht? Weil die Kampfkunst ein Teil der kulturellen Identität ist. Sie ist eine Lebensphilosophie.

Im Westen dagegen bieten viele Leute Karate wie jede andere beliebige Dienstleistung oder ein Produkt an. Sie nennen ihre Schüler „Kunden“. Sie nennen ihre Dojo-Besucher „potenzielle Kundschaft“. Sie nennen sich selbst „Geschäftsführer“. Sie verleihen keine Gürtelgrade, sie verkaufen sie. Es gibt vertragliche Vereinbarungen. Diese Aufzählung ließe sich noch fortführen... Ich nennen diese Orte „McDojos“.

Im Osten kennt man dieses Konzept nicht. Deshalb hat ein Sensei für gewöhnlich einen Nebenjob (z.B. Taxifahrer, Koch, Hausmeister, Schullehrer), weil es undenkbar ist, dass sie ihre Karate-Kompetenz zu Geld machen. Es ist ein Lebensweg, kein Geschäft.

Also: Machst du östliches oder westliches Karate? Ich persönlich glaube daran, dass man das Beste aus beiden Welten vereint.

Das Beste aus beiden Welten vereinen
Und zwar so:

1. Ziele setzen, die auf Tun basieren und nicht auf Erreichen. Zum Beispiel: „Ich möchte meine Karate-Fähigkeiten in einem MMA-Kampf ausprobieren.“ (Nicht: „Ich möchte einen MMA-Kampf gewinnen.“) So bleibst du motiviert, hast ehrgeizige Ziele, genießt aber auch die Reise.

2. Übe intensiv, aber mit einem inneren Fragedialog mit dir selbst (z.B. „Was passiert, wenn ich dieses oder jenes so oder so mache?“), um dich weiter zu entwickeln. So kannst du herausfinden, welche Techniken, Bewegungsmuster und Trainingsmethoden für dich als Individuum am besten passen.

3. Setze immer den Zweck vor den Gewinn. Es ist schön, Geld zu verdienen, dein Sensei braucht auch etwas zwischen den Zähnen. Aber sei dabei integer. Zum Beispiel hat mir neulich eine große McDojo-Konferenz tausende Dollar geboten, wenn ich eine Eröffnungsrede halte. Ich habe abgelehnt, weil es nicht zu meinen Werten passt. Geld ist nicht alles!
Letzten Endes gibt es keinen richtigen oder falschen Karate-Weg.

Es geht einfach darum, was für dich am besten funktioniert.

Viel Glück!

 

Text: Jesse Enkamp, aus dem Englischen übersetzt von Eva Mona Altmann

Über den Autor:karatebyjesse logo

KARATEbyJesse ist vielen Karateka ein Begriff. Dahinter verbirgt sich der Schwede Jesse Enkamp, Mitglied der Kata-Nationalmannschaft und Inhaber eines eigenen Dojos, der sich mit interessanten und gut recherchierten Artikeln zum Karate und angrenzenden Themenbereichen sowie mit ansprechenden Videos von Turnieren und Lehrgängen im Internet einen Namen gemacht hat. Neben der Webseite www.KARATEbyJesse.com betreibt er auch einen YouTube-Kanal und ist bei facebook, twitter & Co. vertreten. In der Vergangenheit waren seine Beiträge nur mit genügend Englischkenntnisse zugänglich.  Aber mit freundlicher Genehmigung des Autors erscheinen seit Mitte 2014 ausgewählte Artikel in der deutschen Übersetzung von Eva Mona Altmann (Dipl.-Übers.) beim KDNW. Wir freuen uns sehr über diese grenz- und sprachübergreifende Kooperation mit Jesse Enkamp!


Mitglied im DKV

Footer9

KARATE2014 Logo

 

Ihr findet uns auch hier ...

kdnw facebookkdnw twitterkdnw rss